14 Stunden Notfall – Ein Kaiserschnitt mit Casinoflair

So schwanger habe ich mich gar nicht gefühlt als meine Löwen kamen. Mir ging es gut, mir ging es eigentlich die ganze Schwangerschaft über richtig gut. Also die paar Monate die ich davon wusste. Klar, ich hatte Rücken und Magensäure und Wasser in den Füßen, aber ich habe mich wohl gefühlt. Trotzdem kam alles ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Rund um den Geburtstag der Löwen denke ich viel an die Geburt und alles kommt irgendwie noch mal wieder viel näher.

Vor zwei Jahren haben wir uns mit meinem Bruder und meiner Schwägerin verabredet, um aus zu gehen. Wir waren Pizza essen und anschließend im Casino. Das habe ich vorher erst einmal gemacht und wir fanden es lustig, uns etwas schick zu machen und voll und ganz auf das happening einzulassen. Das taten wir dann auch. Ich habe mir die Fingernägel knallrot lackiert, was eher ungewöhnlich ist für mich aber an einem Abend wie diesem passt das einfach ins Bild. Mein Herzmann und ich haben uns hundert Euro aus der Babykasse mitgenommen, wohl wissend, dass es sein kann, dass sie danach weg sind. Wir hatten einen super schönen Abend und hatten tatsächlich Glück beim Glücksspiel. Wir haben unseren Einsatz verfünffacht und haben das Casino mitten in der Nacht mit einer prallgefüllten Babykasse wieder verlassen. Ich war müde aber habe den Abend total genossen.

Am nächsten Morgen (8:00 Uhr) sollten wir zu einer Kontrolluntersuchung ins Krankenhaus. Antons Nabelschnurrdurchblutung war schon immer sehr hoch gewesen. Meine Frauenärztin meinte, das UKE könnte sich das schon mal angucken, damit es in der Akte steht und sie uns schon „kennen“, wenn wir dann da irgendwann aufschlagen. Ich hatte aber noch genug Fruchtwasser und sehr viel Platz für die Beiden.

Wir wollten also kurz mal hin und das checken lassen. Völlig übermüdet und mit einem Apfel zum Frühstück sind wir los. Der Arzt hat uns dann untersucht und festgestellt, dass Anton sich durch die hohe Durchblutung dauerhaft sehr anstrengen muss und eine natürliche Geburt nicht schaffen würde. Vor allem weil er unten lag und als erster hätte kämpfen müssen. Er meinte, es sei gut die beiden bald zu holen. Okay habe ich gedacht, nächste oder übernächste Woche. Ich war in der 35+2 (35 von 40 Schwangerschaftswochen) und hatte also noch einige Wochen vor mir.

„Wenn es geht heute“

Äh, warte mal, wenn es jetzt so ernst wird, muss ich das erstmal verdauen, versuchen zu verstehen, was er gesagt hat. Meine Frauenärztin und Hebamme anrufen und fragen ob die das genauso sehen. Ich hatte nämlich auch gehört, dass es durch aus mal vorkommt, dass im Krankenhaus Kaiserschnitte gemacht werden um es den Ärzten zu erleichtern, auch wenn das aus medizinischer Sicht für die Kinder gar nicht notwendig gewesen wäre. Das hatte ich mir vorher gesagt: lass dich nicht zum Kaiserschnitt überreden.
Aber was soll man schon machen, wenn einem ein Arzt sagt, dass es notwendig ist.

Ich wurde also OP fertig gemacht. Doch in der Zwischenzeit kam noch ein Notfall rein und ich wurde erstmal an den CTG angeschlossen. 14 Stunden später lag ich immer noch am CTG und wartete auf das passende Zeitfenster im Krankenhausgeschehen. Das schlimmste war aber eigentlich nicht die Wartezeit, sondern dass ich nüchtern bleiben musste – weder was essen noch trinken durfte (Auch kein Wasser, die gesamte Zeit). Mittlerweile war mir davon ganz schlecht und ich fühlte mich schlapp und außer Stande eine solche OP jetzt zu meistern. Ich lag da, mit meinem Herzmann und meiner Mutter an meiner Seite und wir haben darüber nachgedacht, was dieser Geburtstermin alles verändert. Der eigentliche Termin war ja erst Ende September. Und jetzt, Sommerkinder. Juhu!
Es war mittlerweile 22:00 Uhr. Noch zwei Stunden bis zur Jungfrau. Als der Arzt mal wieder reinkam, habe ich ihn gefragt, ob es heute noch was wird, ich hätte nämlich lieber zwei Löwen als zwei Jungfrauen. Gesagt getan, nun ging es los. Gefühlt hat das dann alles nur ein paar Minuten gedauert.

Ich wurde in den OP geschoben. Mein Mann konnte mit und meine Mama hat draußen gewartet.
Ich habe dann eigentlich nur noch den Anästhesisten wahrgenommen, der mich betäubt hat. Vom Bauch abwärts. Ja, die Spritze tat weh, aber mein Körper war so voller Adrenalin, dass ich mich daran kaum erinnere.
Der Anästhesist hat mir immer so ein bisschen berichtet, was gerade passiert und mein Herzmann hielt mir die Hand. In meinem Unterleib hat es „gerumpelt“ und Sekunden später habe ich ein erstes kleines Schreien gehört. 22.20 Uhr: Nummer Eins war draußen, sagte der Arzt. Nummer zwei wollte nicht so Recht und ich habe ganz schönen Druck auf den Bauch gespürt. Als eine Helferin plötzlich aufschrie, hat mein Herz kurz ausgesetzt. Ist echt nicht schön, wenn man da liegt und nichts außer einem grünen Tuch sieht und auf jedes Geräusch achtet. 3 Minuten später war auch der zweite Löwe da.  Wie mir später erklärt wurde, war die Fruchtblase vom zweiten Löwen ziemlich unter Druck und ist geplatzt, weshalb die fruchtwasserbespritze Helferin erschrak.

Anton hatte ein Geburtsgewicht von 1994 g und war 41cm Groß. Mats wog 2390 g und hatte eine Körperlänge  von 43cm. Meine kleinen Löwenbabys. Die beiden wurden sofort von den Kinderärzten untersucht und versorgt, jeder hatte ein eigenes Team. Ich konnte sie nicht sehen oder auf die Brust nehmen.
Ich wurde auch versorgt und wieder zurück auf das Zimmer geschoben. Da lag ich nun wieder. Eigentlich wie eben auch, nur ohne Kinder im Bauch und mit betäubten Beinen. Komisches Gefühl.

Auf dem Weg zur Neugeborenen-Intensiv  sind sie einer nach dem anderen im Inkubator bei uns im Zimmer vorbei geschoben worden, so dass wir einmal reingucken konnten. Zwei Stunden später wurde ich dann im Krankenbett zu ihnen geschoben und  wir durften sie das erste Mal so richtig sehen. Mats durfte ich kurz auf die Brust legen. Papa hat Anton seine große Hand auf den kleinen Rücken gelegt.
Ja, so hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich wollte meine Neugeborenen auf mir liegen haben und sie in der Welt willkommen heißen. Nun lagen Sie da, verkabelt und in einem Kasten. Aber solche Gedanken hatten in dem Moment keinen Platz. Ich war glücklich, dass sie beide da sind. So klein, so hilflos und so ein großes Wunder!

Völlig erschöpft wurde ich zurück in mein Zimmer geschoben und nachdem ich irritiert festgestellt habe, dass ich immer noch rote Fingernägel hatte bin tatsächlich eingeschlafen. Nach einer Geburt, in Kontakt mit zwei so reinen, kleinen Wesen und im klinischen Krankenhaus kam mir der rote Nagelack so richtig fehl am Platz vor. Casinoflair im Krankenhaus.
Am nächsten Morgen hat mein Herzmann mich mit dem Rollstuhl rüber zu Intensivstation geschoben und wir haben die beiden stundenlang auf der Brust gehabt. Das ging ca eine Woche so.

Bis wir das Krankenhaus verlassen haben vergingen 4 Wochen. Erst als wir Zuhause waren fing es langsam an, dass ich realisierte, dass wir nun Eltern sind. Raus aus dem Krankenhauskokon im wirklichen Leben. Im Elternsein. Noch immer denke ich manchmal darüber nach, ob das alles damals zu schnell ging. Ob ich hätte noch mal nachfragen sollen, ob es wirklich so sein muss. Ob ich den Kaiserschnitt oder die Frühgeburt hätte verhindern können.
Ich habe schon öfter gehört, dass Frauen keine Lust mehr haben schwanger zu sein und sich wünschen, dass ihr Kind früher raus kommt. Im Nachhinein hätte ich mich über jeden Tag gefreut, den die Löwen noch drinnen hätten haben können. Sie waren einfach noch nicht so weit. 4  Wochen haben wir Ihnen geholfen, sie mit einer Magensonde zu ernähren, die Temperatur zu regulieren und andere noch nicht fertig ausgereifte Entwicklungsschritte zu unterstützen. In den Monaten danach haben wir mit Physiotherapie, Arztbesuchen, Osteopathie versucht die Folgen des Kaiserschnittes, wie zum Beispiel eine sehr hohe Körperspannung für die Löwen zu minimieren. Dazu kam noch Antons Herzfehler und seine Operation. Es kam alles anders als wir es uns gewünscht haben und ich werde das Gefühl nicht los, dass mit einer termingerechten, natürlichen Geburt vieles leichter gewesen wäre.

Es war eine Zeit, die uns alle Kräfte genommen und alle Energie aufgebraucht hat und trotzdem wird sie Jahr für Jahr weiter verblassen. Denn wenn ich heute auf meine Löwen gucke, dann sehe ich zwei aufgeweckte, pfiffige kleine Kerle die mich nun mit Ihrer Energie auf Trapp halten.

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3 Kommentare

  1. Antworten

    goschi

    30. August 2016

    Ach jaaa, ich empfand ja auch, die Zeit, die Lilli gebraucht hat (um auf die Welt zu kommen), brauchte sie einfach…sie hat sich aber auch echt Zeit gelassen…2 Wochen drüber und dann mit Einleitung…. 🙂 das würde man heute nicht mehr machen (heutzutage gilt ja die 10-Tage-Regel)…Rosali hat sich auch 10 Tage geputzt 🙂 und kam dann auch nach einem einleitenden Cocktail zur Welt…irgendwie brauchten sie das wohl…ich weiss auch nicht, wie ich reagiert hätte, wenn meine Ärztin mir gesagt hätte „so, dann mal los…“ puuhh, schon krass…ich brauchte auch erstmal eine Stunde, bis ich bereit war die zweite Hälfte der Tablette zu schlucken…man muss dazu sagen, die Schmerzen waren ja jetzt schon unerträglich, ich konnte mir (oder wollte wohl ) die Steigerung nicht ausmalen …bzw. spüren! Nach einem Heulanfall war ich aber bereit und 15 Stunden später war es dann soweit…die erste Geburt in meinem Leben…das sind Momente, die wird man wohl nie vergessen….und Gott sei Dank überwiegen die wundervollen Momente…
    Drücke dich, Knutsch, Goschi

  2. Antworten

    Laura

    16. Dezember 2016

    Soo schön geschrieben. Wirklich. Bin den Tränen nahe.

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