Meine Zwei sind drei

„Ja, das erste Jahr ist hart, aber dann wird es besser“
Wie oft ich das in den ersten Monaten gehört habe, weiß ich nicht mehr -jedenfalls so oft, das ich schon angefangen habe daran zu glauben. Daran zu glauben, dass es nach 12 Monaten alles einfacher wird.
Das die Beiden plötzlich die Nächte durchschlafen, ich mich an den Schlafentzug gewöhnt habe und sowieso alles auf einmal easy läuft. Ganz easy mit zwei kleinen Babys.
Das erste Jahr war wohl eher eine grobe Schätzung, es könnten auch 1,5 sein und ich bin mir ganz sicher, dass sich die Rechnung bei Zwillingen verdoppelt.
Ja, so muss es sein, denn jetzt sind sie drei und alles wird einfacher.

Das ist nur eine Phase

In letzten drei Jahren hat eine Phase die nächste gejagt. Ich war schon so genervt, wenn andere Eltern gesagt haben „das ist nur einen Phase“, dass ich jetzt sehr darauf achte, es niemals zu meinen Freunden mit kleineren Kindern zu sagen. Ja, es stimmt, es sind nur Phasen, aber jede Phase ist wichtig und sollte nicht mit so einer Phrase runter gemacht oder nicht ernst genommen werden. Wenn es uns schlecht ging, weil beide Kinder mit Bauchkrämpfen und quersitzenden Pupsen zu tun hatten oder wir nie länger als eine Stunde am Stück geschlafen haben, dann hat mir der Satz „das ist nur einen Phase“ herzlich wenig weiter geholfen und sich auch nicht wie Mitgefühl angefühlt. Damals haben sich die Phasen so angefühlt, als ob sie nie enden. Als wir mittendrin steckten, schien es uns unvorstellbar, dass sich so Vieles dann doch von alleine innerhalb von ein paar Wochen wieder gibt.
Wenn ich jetzt zurück  blicke, ging alles so schnell und trotzdem sitzt die Erschöpfung immer noch so tief.

Erschöpfung und Kraft tanken

Die Erschöpfung aus Schlafmangel, Herausforderung, Überforderung und ständiger Bereitschaft. Nachts, tags und dazwischen auch. Wir haben gelernt, die kleinen Momente zu feiern, Momente der Ruhe oder des friedlichen Spielens. Manchmal gucken wir uns an und denken daran, wie wir uns genau diesen Moment früher so sehnlichst gewünscht haben.                                                                                                                   Inzwischen können wir auf dem Spielplatz auch mal in der Sonne sitzen und beobachten, wie die Beiden z.B. versuchen auf die Wippe zu kommen. Was schwierig ist, sobald der erste sitzt. Der eine steigt wieder ab und hilft dem anderen rauf… um dann fest zu stellen, dass nun er nicht wieder rauf kommt. Oder die Beiden stellen fest, dass Wippen mit zwei gleich schweren Kindern und Beinen die nicht bis zum Boden kommen gar nicht so leicht ist. Herrlich. Innehalten. Momente die Kraft geben.

Partner in crime

Manchmal könnte ich weinen. Weinen vor Glück, wenn ich beobachte, wie sie sich gegenseitig die Drehscheibe rauf ziehen, übers Haar streicheln, wenn einer sich wehgetan hat. Oder schreiend zu uns gerannt kommen, wenn der andere Hilfe braucht, die er ihm nicht geben kann. Brüder, ein Team, Partner in crime! Darauf bin ich so stolz, dass ich den zahlreichen Unfällen am Bruder aus eigener Unachtsamkeit oder gar Geschubse und Gehaue an dieser Stelle einfach mal keinen Raum gebe.
Mittlerweile spielen die Beiden auch richtig lange und friedlich miteinander. Dabei wird oft die ganze Wohnung verwüstet, weil die gerade zusammengelegten Wäscheteile dann zu Fische werden, die mit den Schuhanziehern geangelt werden oder alle Decken und Kissen zu einer Höhle verarbeitet werden. Sie regen sich gegenseitig an, kommen auf neue Spielideen und erfinden mit ihren Schleichtieren ganze Welten. Meistens läuft es echt gut mit dem Spielen. Ich glaube, dass es für uns als Zwillingseltern einfacher ist die Spielzuständigkeit abzugeben, als bei Eltern mit nur einem Kind oder einem kleinen und einem Größeren.

Die Verantwortung

Wir sind nicht auf uns allein gestellt. Und dabei meine ich nicht nur meine Familie und Freunde, sondern auch unser Umfeld. Besonders die Kita.
Manchmal überrennt mich das Gefühl von Verantwortung: alles hängt an mir, ich muss den Löwen alles zeigen, was sie für ihr Leben brauchen. Muss ihnen Kommunikation, Empathie, Gerechtigkeit, Lebensfreude und so vieles mehr mit auf den Weg geben. Ich bin dafür verantwortlich, dass sie selbstbewusste, fröhliche, ehrgeizige, aufmerksame und charmante junge Kerle werden, die in ihr Leben starten.
Und dann kommen sie auf einmal aus der Kita und zählen bis zehn, singen Lieder die ich noch nie gehört habe und können sich alleine an und ausziehen.
Sie lernen so viel in der Kita und in ihrem Umfeld, sind wissbegierig und saugen alles auf. Wir müssen das nicht alleine schaffen, Vieles kommt von ganz allein. Das lässt mich durchatmen und zuversichtlich auf die nächsten Jahre gucken.

Zwillinge

Das Band, die besondere Verbindung der Beiden, nach der ich so oft gefragt werde – so langsam wird sie sichtbar. Ich glaube fest daran, dass der Zwillingsbruder an ihrer Seite sie ermutigt anders ins Leben zu gehen. Immer jemanden an der Seite zu haben und zu wissen, dass man nie alleine ist. Auch wenn die Eltern mal blöd sind. Ich denke, dass das diese besondere Verbindung ist
Jemanden neben sich zu haben, der immer in genau der gleichen Lebenssituation ist wie man selber, alles teilen zu können. Das verbindet. Am Geburtstagsmorgen ganz aufgeregt seinen Bruder zu wecken, damit man endlich gemeinsam zum Geburtstagstisch laufen und die Kerzen auspusten kann oder gemeinsam in die Kitagruppe der Großen zu wechseln, das verbindet. Vielleicht hilft diese Verbindung auch, den anderen zu spüren, zu merken, wenn es ihm schlecht geht oder sich gemeinsam zu freuen. Niemand ist einem in der Kindheit wohl näher als sein Zwilling. Ich könnt schon wieder weinen, denn ich freue mich so sehr, dass Mats und Anton sich haben.

 

Die Babyjahre sind vorbei

Jetzt ist es ganz eindeutig: Meine zwei sind drei und die Babyjahre sind vorbei. Es fühlt sich komisch an, wenn wir an früher denken. Wie wir stundenlang die Babywiege geschaukelt haben, wie wir Fläschchen gegeben und die beiden gepuckt haben. Wie wir uns über erste Krabbelversuche und manchmal sogar über volle Windeln gefreut haben. Wie wir stundenlang mit der Karre durch die Gegend geschoben sind, damit sie einschlafen oder wir uns über drei Stunden Schlaf am Stück gefreut haben.
Es fühlt sich richtig an, wenn wir an jetzt denken. Wir uns freuen, wenn sie alleine die Treppen hoch gehen, die Zähneputzen. Wenn sie gut Abendbrot essen oder sie uns ein neues Lied aus der Kita vorsingen. Wenn sie uns aufgeregt erzählen, was sie heute in der Kita erlebt haben oder einer los flitzt, um beim kleinsten Ratscher des Bruders das Kühlpad aus dem Gefrierer zu holen.

Sie sind jetzt drei und alles fühlt sich richtig an. Wir sind stolz auf unsere großen, kleinen Löwen und freuen uns auf die nächsten Abenteuer mit ihnen.

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2 Kommentare

  1. Antworten

    Carina

    30. August 2017

    So schön geschrieben, liebe Lisa! Da hab sogar ich als Nicht-Mami ein paar Tränchen verdrückt 🙂 Und ich weiß auch, was es bedeutet Zwillinge zu haben. Meine Schwägerin & mein Schwager haben auch Twins bekommen. Ein Mädchen und ein Junge. Sie sind jetzt 4 und es ist immer so spannend zu beobachten, wie sich alles entwickelt. Genießt die Zeit mit euren Jungs und ich sende ganz liebe Grüße nach Hamburg! Carina

  2. Antworten

    Kathrin

    6. November 2017

    Kann ich alles nur sowas von bestätigen was du schreibst. Wie ich diesen Satz „es ist nur einen Phase/ein Schub “ gehasst habe. Bringt nämlich gar nix wenn zwei Kinder von morgens bis abends weinen oder unzufrieden sind und nachts nicht schlafen.
    Jetzt sind die beiden 3,5 und entdecken schon zusammen die große weite Welt. Aber regelmäßig kommen sie dann doch zu Mama und Papa zurück.

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