Mein Titelblatt Artikel für die Mopo // Über Stadtflucht und Landliebe

Ich bin zwischen St. Pauli und Eppendorf aufgewachsen, bin in der Schanze schon zur Grundschule gegangen und habe dort auch die letzten Jahre mit meinem Mann und dann mit unseren Zwillingen (4). gelebt. Im Sommer haben wir der Großstadt den Rücken gekehrt, haben unsere schöne, große und bezahlbare Altbau Wohnung in der Schanze geräumt und sind ins Umland gezogen. Seit her fühle ich mich zwar etwas uncooler, aber absolut entspannt.

Alltag und Bedürfnisse

Der Grund für den Umzug? Mit den Kindern haben sich unsere Bedürfnisse geändert. Früher haben wir all die Vorteile des Stadtlebens genossen. Wir sind abends los gebummelt oder haben uns bei gutem Wetter in eines der vollen Restaurants am Gehweg gequetscht. In den letzten Jahren hat uns vieles zunehmend genervt. Wie soll man als Anwohner in einem Stadtteil parken, wo alle Parkplätze entweder eingeschränktes Halteverbot sind oder höchstens zwei Stunden geparkt werden darf? Die wenigen Parkplätze werden dann von ständigen Baustellen blockiert oder von Vergnügungsgästen belegt. Die Parkplatzsuche mit den Kindern und den Einkäufen wurde zunehmend zum Albtraum. Daheim angekommen ging es in den dritten Stock.

Der Alltag mit Kindern ist in der Stadt eine Herausforderung – und das an jeder Ecke. All meine Synapsen waren auf Alarmmodus, wenn ich mit den Lütten durch die Schanze zu unserem Auto getapert bin. Fahrradweg links, Glasscherbe rechts, Achtung Ampel und bitte nicht beim Schlendern mit der Hand gemütlich die Wand entlang fahren. Pipi-Höhe, ihr wisst schon. Ich bin wirklich keine Über-Mama und mit den meisten Dingen entspannt, aber es hat mich einfach nur noch genervt.
Vor den überfüllten Spielplätzen sind wir am Wochenende immer geflohen. Gerade wenn das Wetter gut war, hatten wir einen tierischen Aktionsdruck. Damit uns zuhause die Decke nicht auf dem Kopf fällt, haben wir Ausflüge ins Grüne gemacht, den halben Hausstand für alle Eventualitäten eingepackt und ab in die Natur. Raus aus der Stadt. So oft habe ich mich danach gesehnt, die Gartentür aufzumachen und die Jungs und ihre Energie einfach raus zu lassen, ohne dass es zwangsläufig mit so viel Aufwand für uns verbunden ist.

Zwischen Maisfeldern und Pferdehöfen

Jetzt wohnen wir hier, etwas über 30 Kilometer nördlich von Hamburg zwischen Maisfeldern und Pferdehöfen. Wir wohnen zur Miete in einem großen Haus und zahlen viel weniger Miete als in unserer Stadtwohnung. Dafür haben wir mehr Platz, einen Schuppen und einen Garten. In 40 Minuten sind wir in Hamburg und momentan pendeln wir sogar jeden Tag, denn Büro und Kita sind noch in der Stadt.
Wir wohnen zwar günstiger als vorher, zahlen aber momentan für die Pendelei und die Schleswig Holsteiner Kita Gebühren, die wir trotz des Kitasitzes in Hamburg tragen müssen, ungefähr die gleichen Fixkosten wie noch vor dem Umzug. Das wird sich aber spätestens wenn die Jungs hier zur Schule kommen ändern. Dafür Leben wir nun in einem kleinen Idyll, dass uns in Hamburg mindestens das doppelte an Miete gekostet hätte. So wie wir jetzt wohnen, könnten wir es uns in Hamburg nicht mal am Stadtrand leisten. Sogar für ein gequetschtes Reihenhaus in Schnelsen hätten wir deutlich mehr bezahlen müssen. Dafür nehmen wir ein klein bisschen Sehnsucht doch gerne in Kauf.

Das Pendeln ist schon nervig, keine Frage. Morgens sind wir mit Strau manchmal eine Stunde unterwegs. Als verlorene Zeit würde ich es aber trotzdem nicht bezeichnen, denn mein Mann und ich haben mal Zeit in Ruhe zu quatschen oder wichtige Dinge zu besprechen, die sonst im Alltag oft untergehen. Für die Kinder ist die Pendelei überhaupt nicht schlimm. Als Actionjungs tut ihnen diese Hörspielpause auf der Rückbank gerade nach der Kita nämlich ganz gut.

Ich liebe es nachmittags nach Hause zu kommen, zu parken und da zu sein. Die Jungs gehen schon mal rein oder verschwinden gleich im Garten, während ich Einkäufe auspacke oder schon mal das Abendbrot vorbereite. Ich glaube, dass es den Jungs super gut tut hier mit uns im Garten zu werkeln. Mit zu helfen, Gemüse und Obst zu pflanzen und etwas an der frischen Luft zu schaffen.

Spießig, idyllisch und absolut entspannt

Klingt ziemlich idyllisch und auch ein wenig spießig. Ja, das kann sein. Und es tut uns als Familie gut. Unser Stadtleben im Szeneviertel hat sich sicher `ne Nummer cooler angehört (und angefühlt), aber den Stress, den es bei uns Eltern ausgelöst hat, haben wir eins zu eins an unsere Kinder weiter gegeben. Das hat sich einfach falsch angefühlt.

Noch werden wir viel besucht und unsere Freunde genießen es mit uns am Feuer zu sitzen und der Stadt auch mal für einen Tag zu entfliehen. Wir hoffen, dass das so bleibt.
Ansonsten waren auch in den letzten Jahren viele Abende eher gemütlich unterwegs, als um die Häuser zu ziehen. Wenn ich ausgehe und mich mit Freunden treffe, dann lasse ich das Glas Wein weg und düse Abends über die leere Autobahn zurück in unser Häuschen oder mache es mir auf der Gästecouch gemütlich. Ich glaube, dass es immer im eigenen Ermessen liegt, wie sehr man sich durch die Stadtflucht auch gleichzeitig aus dem alten Leben kegelt. Mir gefällt die Mischung super und ich versuche meine Flexibilität zu bewahren.

Wir haben ein neues Kapitel aufgeschlagen und genießen es sehr. So richtig Anschluss haben wir noch nicht gefunden und auf der Suche nach einem guten Sushi Lieferanten bin ich auch noch, aber da wir ja auch erst vor ein paar Monaten her gezogen sind, bin ich ganz optimistisch, dass sich alles fügen wird.
Wenn wir als Familie draußen sind, die Feuerschale anmachen und ich beobachte, wie entspannt und unbefangen die Kinder hier im Garten herumstromern, dann weiß ich, dass es genau die richtige Entscheidung war.

Schlagwörter: , , , ,

DAS KÖNNTE DIR AUCH GEFALLEN

1 Comment

  1. Antworten

    Alex

    12. November 2018

    Liebe Lisa,
    ich liebe deinen Blog und deinen Stil!! 🙂 Ich habe ein paar kurze Fragen: Ich habe vor ca. 6 Jahren bei Lokaldesign in Hamburg so eine Art „Strick-Schale“ für Kleinkram gekauft. Da steht „Steinkopf“ drauf. – Ist der von dir und gibt es die noch irgendwo?
    Und zum Anderen: Würdest du verraten, wo es diese tollen Holz-Schlüsselanhänger mit Namen gibt?
    Und noch zu guter Letzt: Würdest du preisgeben, welches WordPress-Theme du für den Blog nutzt? 🙂
    Tausend Dank schon mal und liebe Grüße! Alex

EINEN KOMMENTAR SCHREIBEN

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung, ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.